Eine Ode an die Landschaftsfotografie – Bart Heirweg im Interview

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WhiteWall - Ein Interview mit Bart Heirweg über Landschaftsfotografie

Icy sunrise – Jokulsarlon, Iceland © Bart Heirweg | www.bartheirweg.com


 
Der Fotograf Bart Heirweg zeigt die Urschönheit der Natur aus einer neuen Perspektive. Der Belgier zieht mit seiner Kamera durch die Toskana, bereist entlegene Eislandschaften in der Antarktis und erkundet die grüne Landschaft Schottlands, um dem Betrachter die formvollendete Ästhetik von Mutter Natur zu zeigen. Mit seinem außergewöhnlichen Talent für malerische Szenerien und überwältigende Bildkompositionen begeistert er Tausende – wir haben mit ihm über seine Passion gesprochen.
 
 
Hallo Bart! Was hat dich anfänglich dazu inspiriert, ein Fotograf zu werden?
 
Alles begann damit, dass ich in meiner Jugend häufig Vögel und Insekten beobachtete. Ich habe die meiste Zeit in der freien Natur verbracht und alles genau unter die Lupe genommen – so genau, dass ich mit der Kamera dokumentarische Fotografien erstellen wollte. Zu diesem Zeitpunkt war ich etwa 21 Jahre alt.
Im Laufe der Zeit, im Jahr 2004 oder 2005, habe ich immer stärker meine Leidenschaft für die künstlerischen Aspekte der Fotografie entdeckt. Ich wollte die Dinge nicht mehr bloß dokumentieren, sondern habe verstärkt auf Gestaltungsmerkmale geachtet, wie die Komposition und den Lichteinfall. So bin ich zur professionellen Fotografie übergegangen.
 
 
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Southern emerald damselfly – Ename, Belgium © Bart Heirweg | www.bartheirweg.com


 
Du legst deinen Schwerpunkt ausschließlich auf die Landschaftsfotografie. Hast du jemals darüber nachgedacht, andere Genres auszuprobieren?
 
Landschaftsfotografie hat mich schon immer fasziniert. Es ist meine größte Leidenschaft und ich habe schon so viele Jahre in der freien Natur verbracht. Aus irgendeinem Grund finde ich dort einen tiefen, inneren Frieden, kann mich entspannen und wirklich alles loslassen. Ich war schon immer ein Naturliebhaber und könnte ohne sie nicht existieren. In der Landschaftsfotografie darf ich meine Zeit im Freien verbringen, also bin ich bei diesem Genre geblieben. Ich mache ungern Portraits oder Hochzeitsfotografien – nur ein einziges Mal habe auf der Hochzeit eines guten Freundes fotografiert, aber es fühlte sich nicht an wie mein natürliches Habitat. Ich fühle mich nur wirklich wohl, wenn ich draußen bin, durch die Wälder wandere, die Landschaft und die Tierwelt genieße und mich der Fotografie hingebe.
 
Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
 
Mein Stil ist eher romantisch, da ich versuche, die wahre Schönheit in den Dingen zu zeigen. Die Komposition aus der stillen Natur, den wechselnden Wetterverhältnissen und dem gleißenden Licht kann atemberaubend sein. Wenn man einen Künstler damit beauftragen würde, diese einzigartige Schönheit der Natur nachzubilden, würde dies niemandem gelingen. Mir fällt nichts ein, was auch nur annähernd eine solche Schönheit und Grazie in sich trägt. Ich versuche stets, ebendiese Magie in meinen Werken zu zeigen, daher findet sich immer ein Hauch von Romantik in meinen Bildern.
 
 
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Metal teeth – Wissant, France © Bart Heirweg | www.bartheirweg.com


 
Was ist deine Inspiration?
 
Ich fühle mich bereits inspiriert, wenn ich durch die weite Landschaftsszenerie laufe und in den Himmel schaue. Ich liebe es, wie sich eine Landschaft verändert, wenn das Sonnenlicht durch die Wolken bricht und auf das flache Land fällt. Es ist einfach wundervoll, wie Mutter Natur solch einzigartige Momente erschafft – Flora und Fauna sind meine größten Inspirationsquellen. Ich ziehe einfach mit meiner Kamera los, spaziere eine Weile durch die Wildnis und plötzlich überkommt mich dieses Gefühl.
 
 
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Beach of Audresselles – Audresselles, France © Bart Heirweg | www.bartheirweg.com


 
Welchen Stellenwert hat die digitale Nachbearbeitung für dich?
 
Ich versuche immer, die Nachbearbeitung auf ein Minimum zu reduzieren. Meine Philosophie lautet, dass ein Bild von Anfang an stimmig sein sollte, also fange ich bereits draußen in der Natur den bestmöglichen Moment ein. Es ist daher wichtig, zuerst die ideale Szenerie zu finden und dann mit dem Fotografieren anzufangen. Trotzdem benötigt man die digitale Nachbearbeitung, um Kontraste hinzuzufügen, Farben zu korrigieren und die Helligkeit anzupassen. Ich mache nur die nötigsten Korrekturen, würde also niemals Gegenstände entfernen oder einen neuen Himmel mit Photoshop erstellen. Der großartige britische Fotograf Joe Cornish hat einst gesagt, man solle so viel wie nötig und so wenig wie möglich retuschieren. Daran halte ich mich.
 
Hast du schon jemals ein Foto so sehr bearbeitet, dass du es im Nachhinein bereut hast?
 
Es kann gelegentlich passieren, dass man Farbeigenschaften wie die Sättigung zu stark erhöht. Dann schaut man sich das Bild an und bemerkt im Nachhinein, dass die Grün- oder Blautöne zu intensiv geworden sind. Generell versuche ich aber, dies zu vermeiden und nicht auf digitale Nachbearbeitung zu setzen – ich hoffe, meine Follower denken genauso. Zusammenfassend kann ich aber sagen, dass Fotografie eine Kunst ist, die kleiner Korrekturen bedarf. Ich versuche dabei stets, die Grenzen nicht zu überschreiten, die ich mir selbst setze.
 
 
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Buachaille Etive Mor – Glencoe, Scotland © Bart Heirweg | www.bartheirweg.com


 
Was ist deiner Meinung nach ausschlaggebend, um in der Fotografiebranche erfolgreich zu sein?
 
Es gibt einige Faktoren, die sehr wichtig sind und als professioneller Fotograf braucht man das ganze Paket. Mein fotografisches Schaffen entspringt meiner tiefen Passion für Mutter Natur. Ich habe sie so viele Jahre intensiv beobachtet und mich ihr langsam angenähert, das bedarf einiger Zeit. In meinem Genre gibt es aber ein generelles Problem: Viele Menschen bezeichnen sich als Naturfotografen, obwohl sie keine Naturliebhaber sind. Es gibt wirklich Menschen, die von einen Tag auf den anderen entscheiden: „Ich bin jetzt ein Landschaftsfotograf.“ Allerdings haben sie nicht das nötige Fachwissen oder die Leidenschaft in sich. Sie wissen nicht, wo man die besten Motive findet, wie man das Licht einsetzen kann, welche Eigendynamik die Natur hat und wie man die Wetterverhältnisse am besten nutzt. Solche Menschen tragen nicht die gleiche Passion in sich wie jemand, der die längste Zeit seines Lebens in der Natur verbracht hat. Meiner Meinung nach sind diese beiden Punkte, Leidenschaft und Fachwissen, essentiell für die professionelle Fotografie.
Ein weiterer Punkt ist die Bedeutung der sozialen Medien: Als Fotograf muss man seinen Namen vermarkten können und die Medien durchdringen. Man muss mit Usern und Communities kommunizieren und diese Gruppen inspirieren. Dazu gehört auch, dass man sich mit jeder Sehne seines Körpers der Fotografie hingeben muss. Das kann bedeuten, dass man extrem lange arbeiten muss und dafür nicht gut bezahlt wird. Hingabe und Passion sind das A und O in diesem Job. Ich gebe jeden Tag 200 Prozent für die Fotografie und das würde nicht jeder tun.
 
Ist Fotografie ein erlernbares Handwerk oder kommt es hauptsächlich auf Talent an?
 
Es ist eine Kombination aus Handwerkskunst und natürlichem Talent. Wenn ich meine älteren Fotografien mit meiner jetzigen Arbeit vergleiche, dann sehe ich, wie sehr ich mich verbessert habe. Ich habe meine handwerklichen Fähigkeiten im Laufe der Zeit verfeinert. Ich habe diese Gabe geschult, indem ich andere Fotografien studiert und neue Dinge ausprobiert habe. Man braucht allerdings auch ein Talent für herausragende Werke. Mein Großvater war zum Beispiel ein sehr begabter Künstler, er erschuf einzigartige Kunstwerke aus Holz und Stein. Ich habe nicht diese Art von Talent in mir – ich kann nicht einmal eine Figur auf ein Blatt Papier zeichnen. Nein, ich habe ein anderes Talent, nämlich das Gefühl für gelungene Kompositionen. Daher glaube ich wirklich, dass man eine Menge lernen kann, aber ein gewisses Grundtalent ist unabdingbar. Meiner Meinung nach sind es zu 50 Prozent Talent und zu 50 Prozent Handwerkskunst.
 
 
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Godafoss – Godafoss, Iceland © Bart Heirweg | www.bartheirweg.com


 
Hast du ein Vorbild?
 
Es gibt einige Fotografen, die ich sehr bewundere, wie etwa die englischen Landschaftsfotografen Joe Cornish, Bruce Percy und Charlie Waite. Sie sind eine Quelle der Inspiration für mich. Außerdem gibt es den französischen Fotografen Vincent Munier, der meiner Meinung nach einer der besten Fotografen unserer Zeit ist. Diese Künstler erschaffen so ausbalancierte Kompositionen und fügen ihren Bildern eine zweite, tiefere Ebene hinzu. Ich lerne so vieles, wenn ich ihre beeindruckenden Fotografien anschaue.
 
Was ist deiner Meinung nach deine beste Fotografie?
 
Ich habe in meinem Portfolio mehrere Lieblingsbilder, daher könnte ich nicht ein einzelnes Bild herauspicken. Die besten Bilder zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine tiefere Ebene haben. Es sind die Fotografien, die eine neuartige Komposition aufweisen oder denen ich etwas Andersartiges hinzugefügt habe. Das fühlt sich an, als hätte man einen weiteren Meilenstein erreicht, das ist ein unglaubliches Gefühl. Wenn ich die Lieblingsfotografie eines anderen Künstlers benennen müsste, wäre das wohl “Mandalay I, Myanmar” von Charlie Waite oder die Serie “Lofoten 2012” von Bruce Percy.
 
 
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Flakstad mountains – Vareid, Lofoten, Norway © Bart Heirweg | www.bartheirweg.com


 
Wie gehst du mit Kritik um?
 
Nun, ich mag sie nicht besonders gerne, aber Kritik ist extrem nützlich für mich. Anfangs fühle ich mich vielleicht verletzt und verstehe nicht, warum jemand meine Fotografie unbedingt kritisieren musste. Doch dann schaue ich mir das Bild genauer an und frage mich: Was ist wohl der Grund für die kritischen Stimmen? Habe ich dieses Bild falsch eingestuft? Kann ich etwas verbessern? Dann versuche ich, die Kritik anzunehmen und mich durch sie zu verbessern, etwas dazuzulernen. Sogar die besten Künstler der Welt werden gelegentlich kritisiert – das passiert eben manchmal.
 
Mit welchem Equipment bist du unterwegs?
 
Eines kann ich sagen, meine Tasche ist extrem schwer. Ich habe immer mein Stativ dabei, das ist essentiell für die Landschaftsfotografie. Zudem trage ich zwei Kameras bei mir: eine Nikon D810 und eine Nikon D4S, dazu viele Objektive zwischen 14 und 400 Millimetern. Ich nehme nicht jedes Mal alle Objektive mit, sondern nur drei oder vier davon. Außerdem benutze ich einen Formatt-Hitech Filter, um die Belichtung zu korrigieren. Dazu kommt noch Zubehör wie einige Speicherkarten und Batterien.
 
Hast du einen Assistenten?
 
(lacht) Nein, ich habe keinen Assistenten. Gelegentlich fragt mich jemand, ob er meine Tasche tragen und mir helfen kann, aber ich möchte alleine sein. Ich bin am kreativsten, wenn ich ganz alleine da draußen bin, dann kann ich mich voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren: wo ich will, wie ich will und wann ich will. Nur auf diese Weise kann ich Kunst erschaffen – ganz alleine. Es ist etwas anderes, wenn ich Workshops gebe, dann kehrt das Gegenteil ein und ich genieße es, mit den Teilnehmern durch die Landschaft zu ziehen und ihnen die Fotografie näher zu bringen.
 
 
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Winter waves – Dyrholaey, Iceland © Bart Heirweg | www.bartheirweg.com


 
Welchen Ratschlag würdest du jungen Landschaftsfotografen geben?
 
Der beste Moment für die Landschaftsfotografie ist der frühe Morgen. Als ich mit der professionellen Fotografie anfing, fiel es mir sehr schwer, morgens aufzustehen. Mein Ratschlag lautet aber: Raus aus den Federn! Stehe auf, auch wenn es drei Uhr morgens ist! Wenn man den wunderschönen Sonnenaufgang in der unendlichen Weite sieht, vergisst man das frühe Aufstehen.
Häufig sagen mir Workshop-Teilnehmer, dass sie meine Bilder von Landschaften bewundern und die gleichen Resultate erzielen wollen, mit dem gleichen Licht und der gleichen Atmosphäre. Danach fügen sie hinzu: „Aber ich könnte niemals so früh aufstehen.“ Das ist keine vernünftige Einstellung – wenn du außergewöhnliche Bilder machen willst, musst du früh aufstehen. Punkt.
 
Du hast ein beeindruckendes Bild in deinem Portfolio: “Against the waves”. Was ist die Geschichte dahinter?
 
(lacht) Oh, das war ein schreckliches Wetter! Ich war in Island und an jenem Tag herrschten wirklich chaotische Zustände. Es gab einen Schneesturm, dazu war es extrem windig und stark bewölkt – ich konnte kaum aufrecht stehen, der Wind blies einfach zu stark. Doch – Achtung – hier kommt der Geheimtipp: An solchen Ausnahmetagen schießt man häufig die besten Bilder. Ich sah die tosenden Wellen gegen den Fels schlagen und die Möwen darüber kreisen, es war wirklich eine magische Szene. Ganz tief in mir meldete sich diese Stimme, und ich fühlte, dass ich unbedingt ein Bild machen musste. Das war ein wahrhaft künstlerischer Moment.
 
Andrea Bruchwitz
 
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Against the waves – Rekjanesviti, Iceland © Bart Heirweg | www.bartheirweg.com


 
Weitere Information zum Thema „Naturfotografie – Tipps & Tricks“ gibt es in unserem Magazin.
 
Das gesamte Portfolio von Bart Heirweg gibt es auf www.bartheirweg.com

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